Menschen auf der Straße

„Tagelang hatte ich das Für und Wider einer Flucht gewogen, in schlaflosen Nächten mir das Hirn zermartert, bis ich den Gedanken endgültig aufgab. Es war hoffnungslos, durch ein von den Deutschen besetztes Gebiet unbemerkt zu entwischen. Eine Festnahme auf der Flucht konnte meine Lage nur unendlich verschlimmern. Das endlose Grübeln über diesen Plänen hatte mich nicht nur innerlich zerrüttet, es hatte mich auch körperlich niedergeworfen.
In der Eingebung einer Sekunde hatte ich dann alle die sorgfältig gereiften Vorsätze und Überlegungen im Nu zerrissen und abgetan; ich war über die Mauer gesetzt unter Umständen, weit übler als alles, was ich mir je ausmalen konnte, keine dreißig Schritte von der Zufahrtstraße der Deutschen entfernt, ohne Gefährten und ohne Geld, ohne ein einziges Stück meiner Habe. Dennoch waren alle die Sorgen, die mich Tag und Nacht bedrängten, mit einem Schlag abgeschüttelt.“
Artur Rosenberg: Menschen auf der Straße, Juni – Juli 1940 in Frankreich, erschienen 1946 Wiener Verlag

Die Tigerin

„Drei Männer waren ihretwegen ins Gefängnis gekommen, zwei hatten sich ihretwegen erschossen und der unzählige Rest ihrer Liebhaber, die sie alle nach wenigen Nächten abgeschüttelt hatte, ohne von Beschwörungen oder Drohungen sich imponieren zu lassen, wäre ausnahmslos auf das kleinste Zeichen hin, zu allem bereit, zu ihr zurückgekehrt.“

Walter Serner: Die Tigerin, erschienen bei Rogner & Bernhard

Gewaltig

„Stundenlang irrte ich ohne Plan umher. Scheu wich ich allen Wegen aus, stahl mich über Felder, duckte mich an den wenigen höfen vorbei, schnupperte jeden Augenblick die Luft ab nach Geräuschen, die meine gereizten Sinne mir vortäuschten, bis ich zerbrochen, mehr noch von der Spannung als von der Müdigkeit, wie ein gehetztes tier in einem Holzschlag zum Schlafe niedersank.
Doch der morgendliche Frost trieb mich nach wenigen Stunden wieder auf.
[…]
Mit so viel Geschick den Gast über die Peinlichkeit hinüberzuführen, die Abhängigkeit von fremder Hilfe unvermeidlich entstehen läßt, weiß doch nur, wer selbst einmal auf Gastlichkeit angewiesen war, sagte ich mir.“

Artur Rosenberg: Menschen auf der Straße, Juni – Juli 1940 in Frankreich, erschienen 1946 Wiener Verlag

Ruhe

“ [ … ] Von den Bergen weht ein feuchter Fallwind mir vorüber, jenseits blicken blaue Himmelsinseln auf andere Länder nieder. Unter jenen Himmeln werde ich oftmals glücklich sein, oft auch Heimweh haben. Der vollkommene Mensch meiner Art, der reine Wanderer, müßte das Heimweh nicht kennen. Ich kenne es, ich bin nicht vollkommen, und ich strebe auch nicht es zu sein. Ich will mein Heimweh kosten wie ich meine Freuden koste. [ … ] „

Hermann Hesse: Wanderung

„Die andere Seite“

Sicher ist es die Phantasie, die meinem Dasein den Stempel aufdrückt, die mich glücklich und traurig macht. Ich erkenne sie fort und fort in mir und außer mir. Und da ich viel geschaut und erlitten habe und am Leben nicht mehr so unbedingt wie einstens hänge, mir im Gegenteil körperliche Müdigkeit und Empfindlichkeit gegen Schmerzen dien Humor immer wieder trüben, erfasse ich auch die Idee des Todes ohne große Besorgnis und es beunruhigt mich nicht allzusehr, ob er mich nach Ansicht derer, die etwas davon zu verstehen vorgeben, dem Nichts oder dem Allbewußtsein oder einer neuen Sonderexistenz zuführt.

Aus der vorangestellten Selbstbiographie des phantastischen Romans „Die andere Seite“ von Alfred Kubin, 2te Auflage 1917 in der Reihe „Galerie der Phantasten“, herausgegeben von Hanns Heinz Ewers. Dieses Werk wurde im Auftrage von Georg Müller Verlag in München von der Buchdruckerei von Mänicke und Jahn in Rudolfstadt gedruckt.