An meine Mutter, B.Heine, geborene von Geldern

I
Ich bin’s gewohnt, den Kopf recht hoch zu tragen,
Mein Sinn ist auch ein bisschen starr und zähe;
Wenn selbst der König mir ins Antlitz sähe, 
Ich würde nicht die Augen niederschlagen. 

Doch, liebe Mutter, offen will ichs sagen: 
Wie mächtig auch mein stolzer Mut sich blähe,
in deiner selig süßen, trauten Nähe 
Ergreift mich oft ein demutvolles Zagen. 

Ist es dein Geist, der heimlich mich bezwinget, 
Dein hoher Geist, der alles kühn durchdringet, 
Und blitzend sich zum Himmelslichte schwinget? 

Quält mich Erinnerung, dass ich verübet 
So manche Tat, die dir das Herz betrübet? 
Das schöne Herz, dass mich so sehr geliebet?

II
Im tollen Wahn hatt ich dich einst verlassen, 
Ich wollte gehen die ganze Welt zu Ende, 
Und wollte sehen, ob ich die Liebe fände, 
Um liebevoll die Liebe zu umfassen. 

Die Liebe suchte ich auf allen Gassen, 
Vor jeder Türe streckt ich aus die Hände, 
Und bettelte um gringe Liebes Spende —
Doch lachend gab man mir nur kaltes Hassen. 

Und immer irrte ich nach Liebe, immer 
Nach Liebe, doch die Liebe fand ich nimmer, 
Und kehrte um nach Hause, krank und trübe. 

Doch da bist du entgegen mir gekommen, 
Und ach! was da in deinem Aug geschwommen, 
Das war die süße, lang gesuchte Liebe.

Heinrich Heine, Buch der Lieder

Die Wanderratten


„Es gibt zwei Arten von Ratten:
Die hungrigen und die satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus.
Sie wandern viel tausend Meilen,
ganz ohne Rasten und Weilen,
Gradaus in ihrem grimmigen Lauf,
Nicht Wind noch Wetter hält sie auf. Sie klimmen wohl über die Höhen,
Sie schwimmen wohl über die Seen;
Gar manche ersäuft oder bricht das Genick.
Die lebenden lassen die todten zurück.
[…]
So eine wilde Ratze,
Die fürchtet nicht Hölle, nicht Katze;
Sie hat kein Gut, sie hat kein Geld
Und wünscht aufs Neue zu theilen die Welt.
Die Wanderratten, o wehe!
Sie sind schon in der Nähe.
Sie rücken heran, ich höre schon
Ihr Pfeifen, die Zahl ist Legion.
O wehe! wir sind verloren,
Sie sind schon vor den Thoren!
Der Bürgermeister und Senat,
Sie schütteln die Köpfe, und Keiner weiß Rath.
Die Bürgerschaft greift zu den Waffen,
Die Glocken läuten die Pfaffen.
Gefährdet ist das Palladium
Des sittlichen Staats, das Eigenthum.
Nicht Glockengeläute, nicht Pfaffengebete,
Nicht hochwohlweise Staatsdekrete,
auch nicht Kanonen, viel Hundertpfünder,
Sie helfen euch heute, ihr lieben Kinder!
Heut helfen auch nicht die Wortgespinste
der abgelebten Redekünste,
Man fängt nicht Ratten mit Syllogismen,
Sie springen über die feinsten Sophismen.
Im hungrigen Magen Eingang finden
Nur Suppenlogik mit Knödelgründen,
Nur Argumente von Rinderbraten,
begleitet mit Göttinger Wurst-Citaten.
ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten,
Behaget den radikalen Rotten
Viel besser, als ein Mirabeau
Und alle Redner seit Cicero.“
Heinrich Heine

XXXVI

Aus meinen großen Schmerzen
mach ich die kleinen Lieder;
Die heben ihr klingend Gefieder
und flattern nach ihrem Herzen.
Sie fanden den Weg zur Trauten,
doch kommen sie wieder und klagen,
und klagen, und wollen nicht sagen,
was sie im Herzen schauten.
Heinrich Heine, Buch der Lieder
Leipzig im Insel Verlag