Nicht mehr meine Zeit

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Er hatte verstanden, dass man als älterer Mensch mit jedem Tag ein Stück weiter hinauswandert aus dieser Welt, also täglich Nichtzugehörigkeit zu spüren bekommt und irgendwie positiv adaptieren muss, um darüber nicht bitter zu werden. Viele kleine Tode als Vorlauf zum wirklichen Sterben. Und er war klug genug, um diese Einsicht nicht in eine Anklage der Enkelgeneration zu verwandeln. Das ist eure Zeit und nicht mehr meine. Früher war nicht alles besser, aber früher war alles anders.

Jürgen Wiebicke: Sieben Heringe
Meine Mutter, das Schweigen der Kriegskinder und das Sprechen vor dem Sterben
© 2026 Kiepenheuer & Witsch

An meine Mutter, B.Heine, geborene von Geldern

I
Ich bin’s gewohnt, den Kopf recht hoch zu tragen,
Mein Sinn ist auch ein bisschen starr und zähe;
Wenn selbst der König mir ins Antlitz sähe, 
Ich würde nicht die Augen niederschlagen. 

Doch, liebe Mutter, offen will ichs sagen: 
Wie mächtig auch mein stolzer Mut sich blähe,
in deiner selig süßen, trauten Nähe 
Ergreift mich oft ein demutvolles Zagen. 

Ist es dein Geist, der heimlich mich bezwinget, 
Dein hoher Geist, der alles kühn durchdringet, 
Und blitzend sich zum Himmelslichte schwinget? 

Quält mich Erinnerung, dass ich verübet 
So manche Tat, die dir das Herz betrübet? 
Das schöne Herz, dass mich so sehr geliebet?

II
Im tollen Wahn hatt ich dich einst verlassen, 
Ich wollte gehen die ganze Welt zu Ende, 
Und wollte sehen, ob ich die Liebe fände, 
Um liebevoll die Liebe zu umfassen. 

Die Liebe suchte ich auf allen Gassen, 
Vor jeder Türe streckt ich aus die Hände, 
Und bettelte um gringe Liebes Spende —
Doch lachend gab man mir nur kaltes Hassen. 

Und immer irrte ich nach Liebe, immer 
Nach Liebe, doch die Liebe fand ich nimmer, 
Und kehrte um nach Hause, krank und trübe. 

Doch da bist du entgegen mir gekommen, 
Und ach! was da in deinem Aug geschwommen, 
Das war die süße, lang gesuchte Liebe.

Heinrich Heine, Buch der Lieder

Seventies-Buntheit

Wenn man in der Bundesrepublik der Siebzigerjahre aufwuchs, wusste man, dass parallel zur poppigen Afri-Cola-Sinalco-Werbewelt, zur sozialliberalen „Mehr Demokratie wagen“-Koalition und zu den antiautoritären Kinderläden noch ein anderes Deutschland existierte. Im Untergeschoss.

Medienberater machen Werbung für sich, indem sie erklären, wie sie Politikern beibringen, in Interviews keinesfalls auf Fragen zu antworten, sondern ohne Rücksicht auf den Gesprächspartner ihre „Erzählung“ zu „präsentieren“. Alle spielen allen etwas vor und reden auch noch offen darüber.

taz: Tanz die Performanz. Kolumne Die Wahrheit von Hartmut El Kurdi

Das Gefühl, sich selbst zu sehen

Vielleicht lief es einfach darauf hinaus, daß ich mich schließlich an sie gewöhnte.
Wenn man jemandem lange genug ins Gesicht schaut, bekommt man am Ende das Gefühl, sich selbst zu sehen.

Paul Auster
Mr. Vertigo, Seite 43
Roman
Copyright © 1996 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Gedicht auf den Rhein

Oder fast alles. Am Schluss schreibt die pubertierende Motte noch ein Gedicht auf den Rhein: „rhein / du sülze / ach du dumme suppe / stur grummelst du an allem vorbei …“ Sie hatte sich ein Buch gekauft: „Treffen junger Autoren 1993 – Die Gewinnertexte“, auch darin waren viele Gedichte in Kleinschreibung verfasst. Man will beim Lesen schon schwer seufzen. Ohne den letzten Satz wäre das alles vielleicht ganz lustig, aber womöglich auch nicht

Andreas Stichmann: „Loreley“. Rowohlt, Hamburg 2024, 128 Seiten, 24 Euro

Dirk Knipphals Literaturredakteur

Qlosterstüffche

Solidaritätskundgebung am Freitag, 17. Mai um 19:00 vor dem Qlosterstüffje, Venloer Straße 221

Das Qlosterstüffje ist eine über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Kneipe mit Kicker, Kegelbahnen und Karnevalpartys. Unkonventionell und nicht davon getrieben, immer hipper zu werden. Eine Kneipe für die Nachbarschaft, für alle Altersgruppen, für unterschiedlichste Stammtische, zum Debattieren und Feiern.
Wieder droht ein Ort der Begegnung und Kultur, der das Leben im Veedel auszeichnet, Immobilienspekulation zum Opfer zu fallen

Freund*innen des Qlosterstüffjes