P 203 Er hatte verstanden, dass man als älterer Mensch mit jedem Tag ein Stück weiter hinauswandert aus dieser Welt, also täglich Nichtzugehörigkeit zu spüren bekommt und irgendwie positiv adaptieren muss, um darüber nicht bitter zu werden. Viele kleine Tode als Vorlauf zum wirklichen Sterben. Und er war klug genug, um diese Einsicht nicht in eine Anklage der Enkelgeneration zu verwandeln. Das ist eure Zeit und nicht mehr meine. Früher war nicht alles besser, aber früher war alles anders.
I Ich bin’s gewohnt, den Kopf recht hoch zu tragen, Mein Sinn ist auch ein bisschen starr und zähe; Wenn selbst der König mir ins Antlitz sähe, Ich würde nicht die Augen niederschlagen.
Doch, liebe Mutter, offen will ichs sagen: Wie mächtig auch mein stolzer Mut sich blähe, in deiner selig süßen, trauten Nähe Ergreift mich oft ein demutvolles Zagen.
Ist es dein Geist, der heimlich mich bezwinget, Dein hoher Geist, der alles kühn durchdringet, Und blitzend sich zum Himmelslichte schwinget?
Quält mich Erinnerung, dass ich verübet So manche Tat, die dir das Herz betrübet? Das schöne Herz, dass mich so sehr geliebet?
II Im tollen Wahn hatt ich dich einst verlassen, Ich wollte gehen die ganze Welt zu Ende, Und wollte sehen, ob ich die Liebe fände, Um liebevoll die Liebe zu umfassen.
Die Liebe suchte ich auf allen Gassen, Vor jeder Türe streckt ich aus die Hände, Und bettelte um gringe Liebes Spende — Doch lachend gab man mir nur kaltes Hassen.
Und immer irrte ich nach Liebe, immer Nach Liebe, doch die Liebe fand ich nimmer, Und kehrte um nach Hause, krank und trübe.
Doch da bist du entgegen mir gekommen, Und ach! was da in deinem Aug geschwommen, Das war die süße, lang gesuchte Liebe.
Seite 90 «Hat er Talent?» «Angeblich ja, aber Talent ist noch keine Garantie dafür, daß ein Mann seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Im Gegenteil – je begabter ein Mensch ist, desto unwahrscheinlicher wird es, daß er es zu etwas bringt. «Und daran gibt’s keinen Zweifel? «Die Wissenschaftler in meiner Fabrik, die Ingenieure, die Motoren und Konstruktionen entwerfen, sind hochbegabt, und trotzdem werden sie nie mehr haben als ein eben auskömmliches Gehalt. Die meisten von ihnen könnten in der Verkaufsabteilung weitaus besser verdienen, aber sie sind viel zu sehr an ihrer Arbeit interessiert, um das auch nur zu erwägen. Ihr Talent stellt für sie praktisch eine Behinderung dar. Sieh dir doch all die mittellosen Künstler an, die verzweifelt ihre Werke feilbieten, und die Musikanten, die auf den Straßen betteln.» «Und da hast du Peter also verboten, Musik zu studieren?» fragte Fischer herausfordernd.
Seite 189 Beide gehörten zur Truppe, die der berüchtigte Hauptmann Ernst Röhm – unter ständig wechselnden Titeln – befehligte, die sogenannte Sturm-Abteilung von Hitlers NSDAP. Peter Winter hasste die Nazis fast ebenso heftig wie die Kommunisten. Die bedenkenlose Art, mit der sie sich Begriffe wie «Freiheit», «Ehre», «Brot» und «Sicherheit» zu eigen machten, war ihm suspekt.
Seite 190 Nach seiner Meinung brachten es nur dumme Menschen fertig, Mängel und Möglichkeiten einer komplexen Welt mit derart verschwommenen, abgedroschenen Phrasen und Schlagworten zu simplifizieren. In seinem Innern hatte er immer auf ein Wunder gehofft, das ihn wieder in einer wohlgeordneten Welt aufwachen ließ, wo der Kaiser das Regiment führte. Doch allmählich hatte er sich, wenn auch widerstrebend, zu der Überzeugung durchgerungen, daß die neue Verfassung von Weimar demokratische Rahmenbedingungen bot, mit deren Hilfe Deutschland seine einstige Größe und Weltgeltung zurückerlangen könnte. Trotz seiner Abneigung gegen den Sozialismus war Peter Winter an jenem Abend einer der wenigen im väterlichen Haus – vielleicht in der ganzen Stadt -, der Ebert, den sozialdemokratischen Reichspräsidenten, unterstützte. Deutschland mußte als Rechtsstaat regiert werden, eben deshalb wollte er Jurist werden. Die organisierte Gewalt bei Kommunisten wie Nazis stellte eine Bedrohung von Recht und Ordnung dar, gefährdete den deutschen Mittelstand und damit alles, was Peter lieb und wert war.
Seite 213 Und laß mich dir noch eines sagen – es gibt massenhaft deutsche Politiker, die haargenau wissen, wie man in diesem Pulverfaß den Funken zündet.» «Redest du von den Nazis?» «Es gibt andere, aber die Nazis sind die schlimmsten und gefährlichsten Fanatiker. Dieser Hitler ist nach seiner Haftzeit wieder in die Höhe gekommen. Politisch war es das Beste, was ihm passieren konnte. Er ist irgendwo ein Phantast mit Gespür für den spezifisch deutschen Verschnitt von Gefühlsduselei und Härte. Er versteht es, Scharen unzufriedener Menschen aus den verschiedensten Lagern zu beeindrucken. Wollt ihr hören, daß der Generalstab den Krieg verloren hat? Ihr habt eure Stellung verloren? Die hat euch ein Jude weggenommen. Eure Fabrik ist pleite gegangen? Der Drahtzieher war ein Jude, der an dem Konkurs klotzig verdient hat. Sozialisten organisieren einen Streik, der euch nicht paßt? Kommunisten veranstalten Straßenschlachten? Das weiß doch jeder, daß Moskau von Juden beherrscht wird. Sie stimmen nicht zu? Dann haben Sie sich entweder hinters Licht führen lassen, oder Sie sind selber Jude und an der Weltverschwörung beteiligt.» «Das mag sich ja für schlichte Wähler gut anhören, aber Herr Hitler wird damit nicht sehr weit kommen, wenn er in die Reichsregierung will.»
Seite 214 «Die Nachwehen des Krieges – Niederlage, Enttäuschung, Hunger. Das legt sich.» «Wenn ich dir doch nur glauben könnte, Dad. Aber tatsächlich ist dieses Gift unter jungen Menschen weiter verbreitet als in allen anderen Bevölkerungsschichten. Schüler und vor allem Studenten, die für den Kriegsdienst zu jung waren, sind oft verbitterter über die Niederlage als die Frontsoldaten. Die Veteranen wissen im Grunde ihres Herzens, daß die Deutschen auf dem Schlachtfeld besiegt wurden; die Jungen, die es nicht miterlebt haben, glauben bereitwillig an all das Geschwafel von der ‹Dolchstoßlegende›. Und die Jungen sind es auch, die gewalttätig werden. Sie strotzen vor Energie und vor Haß. Sie suchen eine Sache, ein Ziel, und das wird Hitler ihnen liefern.»
Seite 277 ich war nie sehr religiös, sagte Samson. «Meine Mutter war römisch-katholisch, mein Vater Mitglied der anglikanischen Kirche. Deshalb haben sie sich darauf geeinigt, mich als Agnostiker zu erziehen …. Er lachte kurz auf, als sei er gegen diese Entscheidung seiner Eltern. «Daher kann ich Hitlers religiöse Verfolgung der Juden nicht akzeptieren. Ich vermag nicht zu sehen, was die Nazis sich davon versprechen. Es handelt sich nicht um eine religiöse Verfolgung, sondern um eine rassische», korrigierte Lottie. «Den Unterschied müssen Sie mir erklären», bat Samson. «Judenverfolgungen hatten wir in Europa jahrhundertelang», begann Lottie. «Doch damals endete sie, wenn ein Jude zum christlichen Glauben übertrat. Einen solchen Ausweg bietet Hitler nicht. Er haßt die Juden wegen ihrer Rasse, nicht wegen irgendwelcher Nuancen in ihrem Gottesbegriff.»
I worried a lot. Will the garden grow, will the rivers / flow in the right direction, will the earth turn / as it was taught, and if not how shall / I correct it?
Robert trusted in the law of empathy, by which he could, by his will, transfer himself into an object or a work of art, and thus influence the outer world. He did not feel redeemed by the work he did. He did not seek redemption. He sought to see what others did not, the projection of his imagination.
Frauen gehen bei solchen Familiengeschichten eben viel geschickter vor als Männer, das ist ihnen gewissermaßen in die Wiege gelegt, und selbst wenn keine Kinder anwesend sind, geben diese immer einen potentiellen Gesprächsstoff ab, und alte Leute interessieren sich bekanntermaßen für ihre Enkelkinder, sie verbinden das mit den Zyklen der Natur oder so, auf jeden Fall entsteht dabei so etwas wie Rührung in ihrem alten Kopf, der Sohn ist zwar der Tod des Vaters, das steht fest, aber für einen Großvater ist der Enkel eine Art Wiedergeburt oder Revanche, und zumindest für die Dauer eines Weihnachtsessens kann so etwas durchaus genügen.
Seltsam sei es und ungerecht, sagte Gauß, so recht ein Beispiel für die erbärmliche Zufälligkeit der Existenz, daß man in einer bestimmten Zeit geboren und ihr verhaftet sei, ob man wolle oder nicht. Es verschaffe einem einen unziemlichen Vorteil vor der Vergangenheit und mache einen zum Clown der Zukunft. Eugen nickte schläfrig.
Sogar ein Verstand wie der seine, sagte Gauß, hätte in frühen Menschheitsaltern oder an den Ufern des Orinoko nichts zu leisten vermocht, wohingegen jeder Dummkopf in zweihundert Jahren sich über ihn lustig machen und absurden Unsinn über seine Person erfinden könne.
Er überlegte, nannte Eugen noch einmal einen Versager und widmete sich dem Buch. Während er las, starrte Eugen angestrengt aus dem Kutschenfenster, um sein vor Kränkung und Wut verzerrtes Gesicht zu verbergen.
In der Deutschen Turnkunst ging es um Gymnastikgeräte. Ausführlich beschrieb der Autor Vorrichtungen, die er sich ausgedacht hatte, damit man auf ihnen herumklimmen könne. Eine nannte er Pferd, eine andere den Balken, wieder eine andere den Bock.
Der Kerl sei von Sinnen, sagte Gauß, öffnete das Fenster und warf das Buch hinaus.