XXXVI

Aus meinen großen Schmerzen
mach ich die kleinen Lieder;
Die heben ihr klingend Gefieder
und flattern nach ihrem Herzen.

Sie fanden den Weg zur Trauten,
doch kommen sie wieder und klagen,
und klagen, und wollen nicht sagen,
was sie im Herzen schauten.

Heinrich Heine, Buch der Lieder
Leipzig im Insel Verlag

SIR,

niemals hat ein armer Wicht von einem Zueigner weniger Hoffnungen auf seine Zueignung gesetzt, als ich auf die meinige; schreibe ich sie doch in einem Schlupfwinkel des Königreiches, und in einem abgelegenen, strohgedeckten Haus, allwo ich in dem unerschütterlichen Bemühen lebe, wider die Gebrechlichkeiten schlechter Gesundheit und andere Übelstände des Lebens mit Frohsinn zu fechten; indem ich die feste Überzeugung hege, daß es, so oft der Mensch lächelt, – und um so viel mehr, wenn er lacht, dieses Bruchstück von Dasein bereichert.

Laurence Sterne: Leben und Ansichten von Tristam Shandy, Gentleman.
Übersetzung: Michael Walter, erschienen bei Zweitausendeins

Rules for Making Oneself a Disagreeable Companion

The Writings of Benjamin Franklin: Philadelphia, 1726 – 1757

RULES, by the Observation of which, a Man of Wit and Learning may nevertheless make himself a disagreeable Companion.

Your Business is to shine; therefore you must by all means prevent the shining of others, for their Brightness may make yours the less distinguish’d. To this End,

1. If possible engross the whole Discourse; and when other Matter fails, talk much of your-self, your Education, your Knowledge, your Circumstances, your Successes in Business, your Victories in Disputes, your own wise Sayings and Observations‚ on particular Occasions, &c. &c. &c.;

2. If when you are out of Breath, one of the Company should seize the Opportunity of saying something; watch his Words, and, if possible, find somewhat either in his Sentiment or Expression, immediately to contradict and raise a Dispute upon. Rather than fail, criticise even his Grammar.

3. If another should be saying an indisputably good Thing; either give no Attention to it; or interrupt him; or draw away the Attention of others; or, if you can guess what he would be at, be quick and say it before him; or, if he gets it said, and you perceive the Company pleas’d with it, own it to be a good Thing, and withal remark that it had been said by Bacon, Locke, Bayle, or some other eminent Writer; thus you deprive him of the Reputation he might have gain’d by it, and gain some yourself, as you hereby show your great Reading and Memory.

4. When modest Men have been thus treated by you a few times, they will choose ever after to be silent in your Company; then you may shine on without Fear of a Rival; rallying them at the same time for their Dullness, which will be to you a new Fund of Wit.

Thus you will be sure to please yourself. The polite Man aims at pleasing others, but you shall go beyond him even in that. A Man can be present only in one Company, but may at the same time be absent in twenty. He can please only where he is, you where-ever you are not.

The Pennsylvania Gazette, November 15, 1750

Das Erdbeben von Lissabon (1755) hatte …

… einen ungeheuren Eindruck auf das damalige Europa gemacht. Der Schrecken, den das furchtbare Elementarereigniss in allen Kulturländern verbreitete, prägte sich auch der Literatur ein. Mit glühender Phantasie schildert Voltaire in dem Gedicht Le désastre de Lisbonne die zerstörende Gewalt der unbarmherzigen Natur [ … ]

Trikots an der Wäscheleine in Lissabon in der Abendsonne

Mit dieser eindringlichen Schilderung wird nun die christliche Hypothese eines weisen Gottes kontrastiert, dessen Allmacht und Liebe die Welt geschaffen haben sollen. Es konnte natürlich nicht ausbleiben, daß die zünftige Theologie solchen poetischen Protest der beleidigten Vernunft als einen unerhörten Frevel brandmarkte. Invektiven voll Haß und Eifer hagelten auf dien Philosophen von Ferney nieder, der es wieder einmal gewagt hatte, die Sache der Menschlichkeit gegen den lieben Gott zu führen.

Der also Angegriffene parierte mit einem neuen Hieb: Er schrieb den weltberühmten Roman Candide ou l’optimiste.

Aus der Einleitung zu Voltaires Kandide, erschienen 1912 bei Georg Müller zu MünchenLissabonner Straßenbahn am Abend, 2007

Bettine von Arnim an Clemens Bretano

„Und kurz, ich finde diese Anstalten fürs ewige Leben so, dass es Reißaus nehmen muß vor dem Tod in uns. Aber nicht, wie ihr fälschlich meint, dass der Tod über einen komme wie der Dieb in der Nacht. Und wenn er käme, wer wird dann Anstalten machen, für diesen Esel, der so schlecht das Lautenspiel versteht, dass er damit schon einer schwachen Seele den Garaus macht. Nein! Wie ich Dir hier noch einmal sage, das Leben flieht die Wüste des Todes, aber dem Tod eine Macht zuschreiben über das Leben, das ist Unsinn.“

lissabon - pause am meer © 2007

„Es ist aber noch ebenso dumm, irgend eine Macht anzuerkennen über uns, als nur das Leben selbst, und leg Dirs zurecht, wie Du willst, ich kanns nicht weiter ausdrücken, ich kann nur sagen, was auch in der Welt für Polizei der Seele herrscht, ich folg ihr nicht, ich stürze mich als brausender Lebensstrom in die Tiefe, wohin michs lockt.“

Clemens Brentano in einem Brief an Sophie von Schweizer

„Ich bin jetzt, was man so nennt, so ziemlich am Leibe ganz gesund, und wenn ich mit diesem Briefe fertig bin, wende ich mich zu der Krankheit meiner armen Seele, erforsche mein Gewissen, und bereite mich zu einer Generalbeichte … Indem ich, auf der Höhe des Lebens angelangt, fühle, dass der Abhang vor mir ist, sitze ich wie ein armer, müder und kranker Wandersmann unter einem Kreuze des Weges, ein wenig Wasser aus dem Quell zu trinken, und ein Stückchen Brot zu essen, dessen Du und die Deinigen mir auch ein Teil in den Ranzen gesteckt haben; lohne es Gott vieltausendmal an Euch und Euren armen Seelen!“

lissabon - schnaps und fisch © 2007