„Die andere Seite“

Sicher ist es die Phantasie, die meinem Dasein den Stempel aufdrückt, die mich glücklich und traurig macht. Ich erkenne sie fort und fort in mir und außer mir. Und da ich viel geschaut und erlitten habe und am Leben nicht mehr so unbedingt wie einstens hänge, mir im Gegenteil körperliche Müdigkeit und Empfindlichkeit gegen Schmerzen dien Humor immer wieder trüben, erfasse ich auch die Idee des Todes ohne große Besorgnis und es beunruhigt mich nicht allzusehr, ob er mich nach Ansicht derer, die etwas davon zu verstehen vorgeben, dem Nichts oder dem Allbewußtsein oder einer neuen Sonderexistenz zuführt.

Aus der vorangestellten Selbstbiographie des phantastischen Romans „Die andere Seite“ von Alfred Kubin, 2te Auflage 1917 in der Reihe „Galerie der Phantasten“, herausgegeben von Hanns Heinz Ewers. Dieses Werk wurde im Auftrage von Georg Müller Verlag in München von der Buchdruckerei von Mänicke und Jahn in Rudolfstadt gedruckt.

Brothers

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„Es gibt nichts Gehässigeres als Grenzen, nichts Stupideres als Grenzen. Sie sind wie Kanonen, wie Generäle: solange Vernunft, Menschlichkeit und Friede herrscht, spürt man nichts von ihnen und lächelt über sie, – sobald aber Krieg und Wahnsinn ausbricht, werden sie wichtig und heilig. Wie sind sie uns Wanderern in den Kriegsjahren zur Pein und zum Kerker geworden! Der Teufel hole sie!“

Hermann Hesse: Wanderung
S. Fischer / Verlag / Berlin / 1922

Die Himmelfahrt der Galgentoni

Selten habe ich so wüste Nachtlokale gesehen wie die rings um den Prager Gemüsemarkt und Fleischmarkt. [ … ] In vielhundertjährigen Häusern staken diese Kneipen, und jede hatte ihre Geschichte. Unter dem Eichentisch der Schenke „Zur Hölle“, wo immer Betrunkene liegen, lag 1378 Herzog Wenzel von Luxemburg, als Kammerherren eintraten, um ihm den Tod seines Vaters zu melden, des deutschen Kaisers Karl IV. Sie trugen den sinnlos Betrunkenen ins Schloß hinauf und setzten ihn auf den Thron.

Von der größten Zeche, die je im „Grünen Frosch“ gemacht ward, erzählen noch heute Wirt und Stammgäste, als wären sie dabei gewesen. Aber es sind schon 300 Jahre (jetzt eher 400 Jahre) her, seit Scharfrichter Mydlarz hier die zehn Schock Meißner Silberthaler nach dem Tagwerk vertrank, für das er sie verdient hatte: für die Massenhinrichtung der böhmischen Adelsherren.

In der Kaschemme „Bataillon“ gibt es keine Teller, nur Mulden, die in die Tische eingeschnitten sind; in diese Mulden wird aus einem Schlauch die Suppe gespritzt. Die Blechlöffel sind mit Ketten am Tisch befestigt, damit sie der Gast nicht mitnehmen könne.

Hier bezog Dr. Unger, Universitätsdozent für Staatsrecht und Abgeordneter des Landtags, seinen permanenten Aufenthalt, als er erfuhr, daß seine Frau Orgien mit seinen Kollegen feiere. Bevor er sich bewußt zu Tode trank, vermachte er sein Vermögen den neunzig Stammgästen des „Bataillon“. Dafür sollten sie – so stand es im Testament – jeder mit einer Flasche Haferschnaps in der Hand, an seinem Begräbnis teilnehmen, unterwegs auf sein Seelenheil trinken und sein Lieblingslied singen: „Vorbei, vorbei ist alles, vorbei mein Lebensglück …“

Egon Erwin Kisch in Mexico, ca 1941aus „Das tätowierte Portrait“ von Egon Erwin Kisch, © Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1987

Im heißen Schatten des Islam

Isabelle Eberhardt, geboren 17.02.1877 als jüngstes von fünf Kindern einer adeligen russischen Emigrantin, stirbt malariakrank in der Nacht vom 20. auf den 21.10.1904 während eines Unwetters in einer Lehmhütte am Flußufer in Aïn Séfra, weil sie sich weigert, das von der Überschwemmung eingeschlossene Haus zu verlassen.

isabelle eberhardt 1897 in tunesischer Tracht mit Fez und DjellabaIsabelle Eberhardt 1897, aus dem Vorwort ihres Buches „Tagwerke“, Verlag: März bei Zweitausendeins, ©1981

„Mai 1904
Weshalb muß man sich gegen die Dummheit verteidigen, obwohl man ihr gar nichts abzugewinnen hat, obwohl man selbst nichts damit zu tun hat? Ich weiß nicht – diese Dinge interessieren mich nicht: mir bleibt die Sonne und mich lockt der Weg. Das wäre schon fast eine ganze Philosophie.
Einmal hatte ich Gelegenheit, aus nächster Nähe zu beobachten, wie in einer Seele, die ich schon weit erhabener glaubte, eine reine, starke Leidenschaft entbrannte, und ich sagte zu meinem Freund: „Sehen Sie sich vor, wenn man glücklich ist, versteht man nichts mehr vom Leid der anderen …“
Er machte sich auf, das Glück zu finden, wie er zumindest glaubte; und ich ging meinen Schicksalsweg. [ … ]

In der einzigen arabischen Straße des Dorfes finde ich die ruhigen Eindrücke vom letzten Fastenmonat Ramadan des vergangenen Jahres wieder, ich fühle mich ‚zu Hause‘.
Ich treffe viele bekannte Gesichter auf den Bänken und den Matten vor dem Cahouadji. Viele freundschaftliche Grüße werden ausgetauscht.
Und obendrein die innige Freude bei dem Gedanken, schon morgen, in der Morgenröte aufzubrechen und all diese Dinge zu verlassen, die mir doch heute Abend so süß und angenehm sind.
Doch wer, außer einem Nomaden, einem Vagabunden, könnte diesen doppelten Genuß verstehen?

Das Herz noch bewegt von allem, was mich eingenommen hatte und nun hinter mir lag, sagte ich mir: die Liebe ist eine Unruhe; man muß es lieben, zu verlassen, aufzugeben, denn die Dinge und die Wesen gewinnen ihre Schönheit erst im nachhinein.“
Isabelle Eberhardt: Im heißen Schatten des Islams

Isabelle Eberhardts Leichnam wird aus dem zerstörten Haus geborgen, 1904Isabelle Eberhardts Leichnam wird aus dem zerstörten Haus geborgen, Oktober 1904

Bilder und Text aus „Sandmeere“, Isabelle Eberhardt, © 1981 März Verlag GmbH, Ausgabe bei Zweitausendeins, aus dem Französischen übertragen von Grete Osterwald

Die elegante Frau

„Als Karoline Neuber, die Reformatorin der deutschen Schauspielkunst, im Jahre 1760 in Laubegast bei Dresden starb, untersagte der Pfarrer aufs strengste bei Ihrem Begräbnis das Öffnen der Kirchentüren, und der Sarg mußte über die Kirchhofsmauer gehoben werden, um ein Plätzchen zu finden. Die Kirche schloß die „Kommödianten“ aus. [ … ]“

Rokokoschauspielerin in Iphigenie auf Tauris - Kolorierter Kupferstich von Gaillard aus 'Galerie des Modes'. Paris, 1780„Die Gagen waren zu jener Zeit nicht hoch. Eine Fille d’Opéra war auf ihre Verehrer angewiesen. Figurantinnen und Ballettmädchen erhielten überhaupt nichts. Sie mußten froh sein, Gelegenheit zu haben, ihre Reize in der Öffentlichkeit zur Schau stellen zu können und dadurch reiche Freunde zu bekommen. Fast alle Theatermädchen fingen so an, und es war von vornherein ausgemacht, dass sie auf Tugend verzichteten.“

Gertrude Aretz, Die Elegante Frau
© 1929 by Grethlein & Co., G.m.b.H. Leipzig

SIR,

niemals hat ein armer Wicht von einem Zueigner weniger Hoffnungen auf seine Zueignung gesetzt, als ich auf die meinige; schreibe ich sie doch in einem Schlupfwinkel des Königreiches, und in einem abgelegenen, strohgedeckten Haus, allwo ich in dem unerschütterlichen Bemühen lebe, wider die Gebrechlichkeiten schlechter Gesundheit und andere Übelstände des Lebens mit Frohsinn zu fechten; indem ich die feste Überzeugung hege, daß es, so oft der Mensch lächelt, – und um so viel mehr, wenn er lacht, dieses Bruchstück von Dasein bereichert.

Laurence Sterne: Leben und Ansichten von Tristam Shandy, Gentleman.
Übersetzung: Michael Walter, erschienen bei Zweitausendeins

Bettine von Arnim an Clemens Bretano

„Und kurz, ich finde diese Anstalten fürs ewige Leben so, dass es Reißaus nehmen muß vor dem Tod in uns. Aber nicht, wie ihr fälschlich meint, dass der Tod über einen komme wie der Dieb in der Nacht. Und wenn er käme, wer wird dann Anstalten machen, für diesen Esel, der so schlecht das Lautenspiel versteht, dass er damit schon einer schwachen Seele den Garaus macht. Nein! Wie ich Dir hier noch einmal sage, das Leben flieht die Wüste des Todes, aber dem Tod eine Macht zuschreiben über das Leben, das ist Unsinn.“

lissabon - pause am meer © 2007

„Es ist aber noch ebenso dumm, irgend eine Macht anzuerkennen über uns, als nur das Leben selbst, und leg Dirs zurecht, wie Du willst, ich kanns nicht weiter ausdrücken, ich kann nur sagen, was auch in der Welt für Polizei der Seele herrscht, ich folg ihr nicht, ich stürze mich als brausender Lebensstrom in die Tiefe, wohin michs lockt.“

Clemens Brentano in einem Brief an Sophie von Schweizer

„Ich bin jetzt, was man so nennt, so ziemlich am Leibe ganz gesund, und wenn ich mit diesem Briefe fertig bin, wende ich mich zu der Krankheit meiner armen Seele, erforsche mein Gewissen, und bereite mich zu einer Generalbeichte … Indem ich, auf der Höhe des Lebens angelangt, fühle, dass der Abhang vor mir ist, sitze ich wie ein armer, müder und kranker Wandersmann unter einem Kreuze des Weges, ein wenig Wasser aus dem Quell zu trinken, und ein Stückchen Brot zu essen, dessen Du und die Deinigen mir auch ein Teil in den Ranzen gesteckt haben; lohne es Gott vieltausendmal an Euch und Euren armen Seelen!“

lissabon - schnaps und fisch © 2007