Die Wanderratten

„Es gibt zwei Arten von Ratten:
Die hungrigen und die satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus.
Sie wandern viel tausend Meilen,
ganz ohne Rasten und Weilen,
Gradaus in ihrem grimmigen Lauf,
Nicht Wind noch Wetter hält sie auf. Sie klimmen wohl über die Höhen,
Sie schwimmen wohl über die Seen;
Gar manche ersäuft oder bricht das Genick.
Die lebenden lassen die todten zurück.
[…]

So eine wilde Ratze,
Die fürchtet nicht Hölle, nicht Katze;
Sie hat kein Gut, sie hat kein Geld
Und wünscht aufs Neue zu theilen die Welt.

Die Wanderratten, o wehe!
Sie sind schon in der Nähe.
Sie rücken heran, ich höre schon
Ihr Pfeifen, die Zahl ist Legion.

O wehe! wir sind verloren,
Sie sind schon vor den Thoren!
Der Bürgermeister und Senat,
Sie schütteln die Köpfe, und Keiner weiß Rath.

Die Bürgerschaft greift zu den Waffen,
Die Glocken läuten die Pfaffen.
Gefährdet ist das Palladium
Des sittlichen Staats, das Eigenthum.

Nicht Glockengeläute, nicht Pfaffengebete,
Nicht hochwohlweise Staatsdekrete,
auch nicht Kanonen, viel Hundertpfünder,
Sie helfen euch heute, ihr lieben Kinder!

Heut helfen auch nicht die Wortgespinste
der abgelebten Redekünste,
Man fängt nicht Ratten mit Syllogismen,
Sie springen über die feinsten Sophismen.

Im hungrigen Magen Eingang finden
Nur Suppenlogik mit Knödelgründen,
Nur Argumente von Rinderbraten,
begleitet mit Göttinger Wurst-Citaten.

ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten,
Behaget den radikalen Rotten
Viel besser, als ein Mirabeau
Und alle Redner seit Cicero.“

Heinrich Heine

Menschen auf der Straße

„Tagelang hatte ich das Für und Wider einer Flucht gewogen, in schlaflosen Nächten mir das Hirn zermartert, bis ich den Gedanken endgültig aufgab. Es war hoffnungslos, durch ein von den Deutschen besetztes Gebiet unbemerkt zu entwischen. Eine Festnahme auf der Flucht konnte meine Lage nur unendlich verschlimmern. Das endlose Grübeln über diesen Plänen hatte mich nicht nur innerlich zerrüttet, es hatte mich auch körperlich niedergeworfen.
In der Eingebung einer Sekunde hatte ich dann alle die sorgfältig gereiften Vorsätze und Überlegungen im Nu zerrissen und abgetan; ich war über die Mauer gesetzt unter Umständen, weit übler als alles, was ich mir je ausmalen konnte, keine dreißig Schritte von der Zufahrtstraße der Deutschen entfernt, ohne Gefährten und ohne Geld, ohne ein einziges Stück meiner Habe. Dennoch waren alle die Sorgen, die mich Tag und Nacht bedrängten, mit einem Schlag abgeschüttelt.“
Artur Rosenberg: Menschen auf der Straße, Juni – Juli 1940 in Frankreich, erschienen 1946 Wiener Verlag

Gewaltig

„Stundenlang irrte ich ohne Plan umher. Scheu wich ich allen Wegen aus, stahl mich über Felder, duckte mich an den wenigen Höfen vorbei, schnupperte jeden Augenblick die Luft ab nach Geräuschen, die meine gereizten Sinne mir vortäuschten, bis ich zerbrochen, mehr noch von der Spannung als von der Müdigkeit, wie ein gehetztes Tier in einem Holzschlag zum Schlafe niedersank.
Doch der morgendliche Frost trieb mich nach wenigen Stunden wieder auf.
[…]
Mit so viel Geschick den Gast über die Peinlichkeit hinüberzuführen, die Abhängigkeit von fremder Hilfe unvermeidlich entstehen läßt, weiß doch nur, wer selbst einmal auf Gastlichkeit angewiesen war, sagte ich mir.“

Artur Rosenberg: Menschen auf der Straße, Juni – Juli 1940 in Frankreich, erschienen 1946 Wiener Verlag

Ruhe

“ [ … ] Von den Bergen weht ein feuchter Fallwind mir vorüber, jenseits blicken blaue Himmelsinseln auf andere Länder nieder. Unter jenen Himmeln werde ich oftmals glücklich sein, oft auch Heimweh haben. Der vollkommene Mensch meiner Art, der reine Wanderer, müßte das Heimweh nicht kennen. Ich kenne es, ich bin nicht vollkommen, und ich strebe auch nicht es zu sein. Ich will mein Heimweh kosten wie ich meine Freuden koste. [ … ] „

Hermann Hesse: Wanderung