„Die andere Seite“

Sicher ist es die Phantasie, die meinem Dasein den Stempel aufdrückt, die mich glücklich und traurig macht. Ich erkenne sie fort und fort in mir und außer mir. Und da ich viel geschaut und erlitten habe und am Leben nicht mehr so unbedingt wie einstens hänge, mir im Gegenteil körperliche Müdigkeit und Empfindlichkeit gegen Schmerzen dien Humor immer wieder trüben, erfasse ich auch die Idee des Todes ohne große Besorgnis und es beunruhigt mich nicht allzusehr, ob er mich nach Ansicht derer, die etwas davon zu verstehen vorgeben, dem Nichts oder dem Allbewußtsein oder einer neuen Sonderexistenz zuführt.

Aus der vorangestellten Selbstbiographie des phantastischen Romans „Die andere Seite“ von Alfred Kubin, 2te Auflage 1917 in der Reihe „Galerie der Phantasten“, herausgegeben von Hanns Heinz Ewers. Dieses Werk wurde im Auftrage von Georg Müller Verlag in München von der Buchdruckerei von Mänicke und Jahn in Rudolfstadt gedruckt.

B-B! … B-B! … B-B!

WAR IS PEACE

FREEDOM IS SLAVERY

IGNORANCE IS STRENGHT.

Aus „Nineteen Eighty-Four“, by George Orwell, first published by Martin Secker & Warburg 1949, © the estate of the late Sonia Brownell Orwell, 1987

SECRETS ARE LIES

SHARING IS CARING

PRIVACY IS THEFT

Aus „The Circle“, by Dave Eggers, © Dave Eggers 2013

THE OLD MAN HELPED US!

THOU SHALT NOT KILL!

CLAY OF MY CLAY!

SHAME

SORROW.

Aus „feet of clay“ by Terry Pratchett, © 1996 by Terry and Lyn Pratchett

Figiakasta

„Mittelländisches Meer, leuchtende Wiege alles Rechten und Schönen, das uns noch tröstet, von Wein und Feigen umfangen!

Wein und Feigen. Er musste lächeln. Ihm fiel ein, was er vor Zeiten einmal gelesen hatte: daß jetzt noch in einigen Sprachen des Nordens aus normannischer Südzeit ein Wort fortbestehe, das vom Verlangen nach Feigen sprach: figiakasta, daß aber die Isländer, die es im Munde führen, seinen früheren Sinn nicht mehr kennen und jede Art von Sehnsucht damit meinen. Ja, hier war alle Sehnsucht gestillt. Hier war man am Ziel. Hier gesundete das Herz von aller Wirrnis, von aller Dumpfheit, die über dem gequälten Erdteil lag, von aller unsaubern, stickigen Schwärmerei, von allen Pulverdünsten und Kirchendünsten, die in der Heimat unter dem bleiernem Himmel das Atmen erschwerten. […] Hierher drang kein Erlösungsschrei vom tausendjährigem Reich […]

Bruno Frank in Sanary-sur-Mer, 1934. Fotografiert von Walter Bondy. This work is in the public domain in its country of origin and other countries and areas where the copyright term is the author's life plus 70 years or less.

Heimkehren also wieder in diesen Braukessel trüb schäumender Böswilligkeit, der sich deutsche Politik nannte, langsam sich wieder mitdrehen im übel gemischten Brei; bei öffentlichen Tagungen die abgestandenen Phrasenreste beschwingterer Vorzeiten schmecken müssen, hinter verschlossenen Türen aber das ängstliche Gezänk von Philistern, die an ihren nächsten schäbigen Vorteil denken. […]

Und um einen das Volk, […] so unkund seiner selbst, so kindisch, daß es jedem schielenden Schmeichler anheim fiel. Nichts ließ es sich in seiner Unsicherheit lieber bezeugen, als daß es allein das Volk aller Völker sei, ausersehen unter den Nationen, umringt von Pfauen und Tigern ganz allein treu, rein, tapfer, fromm, wahrheitsmutig und seelengroß. So weit ging sein Hang zu romantischer Selbstbetäubung, daß ihm jeder recht war, der mit einem Schwall herkömmlich dunstigen Geredes sich selber als Heiland und Symbol der Volkstugenden empfahl: […] wenn er bloß […] seinen Riesenladen mit nationalfrommen Spruchtafeln austapezierte. […] Ach, wer sollte Lust haben zur Rückkehr! Wer sollte nicht wünschen, das alles dort zu vergessen […] .“

Bruno Frank: Politische Novelle, 1928 im Ernst Rowohlt Verlag

figiakasta

„Sismondi erzählt, daß sich seit jenen Tagen in der isländischen Sprache, der altskandinavischen Mundart, noch das Wort «figiakasta» erhalten habe, das heißt nach Feigen Lust haben, eine bildliche Redeweise für den Begriff einer heftigen Sehnsucht überhaupt.“

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien – Kapitel 88 – first published in 1856 – http://gutenberg.spiegel.de/buch/wanderjahre-in-italien-2409/88

„(2) Les fruits du Midi excitoient les desirs ardens des Septentrionaux. C’étoit en vantant leur saveur, que l’on attiroit les Varangiens du fond de la Scandinavie à Constantinople, pour y former la garde des empereurs; et dans la langue islandoise, parlée autrefois par tout le Scandinaves, on dit encore aujourd’hui figiakasta, désirer des figues, pour dire, désirer quelque chose avec passion. Bonstetten

Histoire des Républiques italiennes du Moyen Âge, Band 1
von Jean-Charles-Léonard Simonde de Sismondi
Quelle: https://books.google.de

Wohin rollst du, Äpfelchen …

„Sie verließen die Hütte. Der Schneesturm fuhr ihnen ins Gesicht. Graf Gagarin deutete nach Süden. „Dort liegt der Wald, dunkel wie eines fremden Menschen Seele. Halten Sie sich dicht hinter mir, der Weg ist schlimm. Ein wenig Schnee auf einer dünnen Schicht Eis und darunter ist Sumpf.““Holzcoop_Slider2_Aachener-Eiche-für-unsere-Werkstatt

Aus „Wohin rollst du, Äpfelchen …“ von Leo Perutz, Paul Zsolnay Verlag

Der Rote Tod

„Und nun erkannten alle, daß der Rote Tod unter ihnen weilte. Er war gekommen wie ein Dieb in der Nacht. Und einer nach dem anderen sanken die Zecher in den blutbedeckten Räumen ihres Festes nieder, und jeder starb in der verzweifelten Gebärde seines Sturzes. Und das Leben der Ebenholzuhr entschwand mit dem Letzten der Fröhlichen. Und die Flammen der Dreifüße erloschen. Und Finsternis und Verwesung und der Rote Tod herrschten schrankenlos über allem.“2016-01-18-15.29.15poe

Edgar Allan Poe: Die Maske des Roten Todes
Erich Hoffmann Verlag Heidenheim
Illustriert von Fritz Fischer

Cities, of course, can also make a person feel alone.

IMAG2139_1In London, you look at those who pass you by and you have no idea what is going on in their minds. Each one looks utterly closed to you and mysterious. In villages the same rule applies, except that you suspect it is the same thing going on in every mind.

Sophie Hannah: The Monogram Murders

Redgauntlet

Spaziergang an der Inde mit HundSpaziergang an der Inde mit HundHallt doch noch immer in meinen Ohren der betrübende Ton wieder, mit welchem du […] Abschied von mir nahmst, dein elendes Gäulchen bestiegst, um zurück zu kehren zur Sklaverei der Jurisprudenz. Er schien mir sagen zu wollen: „Oh du glückliches Thier! Du kannst nach Herzenslust über Berg und Thal laufen, kannst jeden neuen Gegenstand, der sich deiner Neugierde darbietet, verfolgen, und die Jagd aufgeben, wenn sie das Interesse verliert; und ich – ich älter und besser als du, ich muß in der Blüthenzeit zurückkehren in meine enge Stube, zu meinen staubigen Büchern.“

Walter Scott’s sämmtliche Werke. Aus dem Englischen frei übersetzt von Carl Weil. Fünfzehnter Band. Redgauntlet. Eine Erzählung aus dem achtzehnten Jahrhundert. Erster Theil. Stuttgart, bei Gebrüder Franck. 1826

Unterschätzte Freuden

Heute: Gefrierschrank abtauenGefrierschrank abtauenWenn die Temperaturen draussen unter null sind, kann man die Kiste ja mal ausräumen und all das Zeug auf dem Balkon deponieren.

All diese Eismassen, das Ding ist bestimmt mal offen gestanden, und man hat’s nicht gemerkt. Vielleicht war ich schuld. Oder ich.

Doch wenn sie schmelzen, die Massen, und es tröpfelt aus diesem sinnigen kleinem Röhrchen – das ist schon schön! Man porkelt an dem Eis herum, schön Obacht geben auf die Kühlrippen, und dann lösen sich ganze Brocken. Das gibt eine gewisse Befriedigung. Gefrierschrank abtauenUnd man möchte eine Umschulung machen zum Gefrierschrankabtauer. Man muss nicht viel machen, das schmilzt einfach. Hinterher sieht man, was man geschafft hat.

Danach kommt die große Herausforderung, nämlich all das rätselhafte Zeug zu begutachten, was sich da angesammelt hat. Wo kommt das nur her? Wer hat je gedacht, dass wir das noch mal essen wollen? Unter Umständen wird hier weiter berichtet.

Bettine von Arnim an Clemens Bretano

„Und kurz, ich finde diese Anstalten fürs ewige Leben so, dass es Reißaus nehmen muß vor dem Tod in uns. Aber nicht, wie ihr fälschlich meint, dass der Tod über einen komme wie der Dieb in der Nacht. Und wenn er käme, wer wird dann Anstalten machen, für diesen Esel, der so schlecht das Lautenspiel versteht, dass er damit schon einer schwachen Seele den Garaus macht. Nein! Wie ich Dir hier noch einmal sage, das Leben flieht die Wüste des Todes, aber dem Tod eine Macht zuschreiben über das Leben, das ist Unsinn.“

lissabon - pause am meer © 2007

„Es ist aber noch ebenso dumm, irgend eine Macht anzuerkennen über uns, als nur das Leben selbst, und leg Dirs zurecht, wie Du willst, ich kanns nicht weiter ausdrücken, ich kann nur sagen, was auch in der Welt für Polizei der Seele herrscht, ich folg ihr nicht, ich stürze mich als brausender Lebensstrom in die Tiefe, wohin michs lockt.“