Baumweh

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2014-10-26-11.36.06wpErstochene Urfichte an der Hill

Nach 1,3 Kilometern erreichen wir einen lauschigen Picknickplatz direkt am Wasser. Hier mündet der Ternellbach in die Hill. Allerdings hat der Zahn der Zeit an der hölzernen Sitzgruppe genagt. Wir befinden uns im Gebiet der Alten Fichten beziehungsweise Urfichten. Das ist die Bezeichnung für Fichten, die mindestens 120 Jahre alt sind. Sie sind dann bis zu 40 Meter hoch und haben einen Stammumfang von drei Metern.“
Von: Petra Vanderheiden Berndt

Muschel

Mir wurde versichert, die wäre gut zu essen, die Muschel. Kochen und dann das Innenleben nach aussen kehren. (Das der Muschel. Nicht das eigene. Das tut man besser im geschuetzten Rahmen. Obwohl die Muschel sich bestimmt auch fuer gut geschuetzt gehalten hat.)

muschel auf abblaetternder farbe

Aber ich hab sie doch lieber wieder zurueck geschmissen. Und wenn sie nicht ein anderer Schnorchler rausgeholt hat, dann lebt sie noch heute in der Bucht von Yelapa.

Die Himmelfahrt der Galgentoni

Selten habe ich so wüste Nachtlokale gesehen wie die rings um den Prager Gemüsemarkt und Fleischmarkt. [ … ] In vielhundertjährigen Häusern staken diese Kneipen, und jede hatte ihre Geschichte. Unter dem Eichentisch der Schenke „Zur Hölle“, wo immer Betrunkene liegen, lag 1378 Herzog Wenzel von Luxemburg, als Kammerherren eintraten, um ihm den Tod seines Vaters zu melden, des deutschen Kaisers Karl IV. Sie trugen den sinnlos Betrunkenen ins Schloß hinauf und setzten ihn auf den Thron.

Von der größten Zeche, die je im „Grünen Frosch“ gemacht ward, erzählen noch heute Wirt und Stammgäste, als wären sie dabei gewesen. Aber es sind schon 300 Jahre (jetzt eher 400 Jahre) her, seit Scharfrichter Mydlarz hier die zehn Schock Meißner Silberthaler nach dem Tagwerk vertrank, für das er sie verdient hatte: für die Massenhinrichtung der böhmischen Adelsherren.

In der Kaschemme „Bataillon“ gibt es keine Teller, nur Mulden, die in die Tische eingeschnitten sind; in diese Mulden wird aus einem Schlauch die Suppe gespritzt. Die Blechlöffel sind mit Ketten am Tisch befestigt, damit sie der Gast nicht mitnehmen könne.

Hier bezog Dr. Unger, Universitätsdozent für Staatsrecht und Abgeordneter des Landtags, seinen permanenten Aufenthalt, als er erfuhr, daß seine Frau Orgien mit seinen Kollegen feiere. Bevor er sich bewußt zu Tode trank, vermachte er sein Vermögen den neunzig Stammgästen des „Bataillon“. Dafür sollten sie – so stand es im Testament – jeder mit einer Flasche Haferschnaps in der Hand, an seinem Begräbnis teilnehmen, unterwegs auf sein Seelenheil trinken und sein Lieblingslied singen: „Vorbei, vorbei ist alles, vorbei mein Lebensglück …“

Egon Erwin Kisch in Mexico, ca 1941aus „Das tätowierte Portrait“ von Egon Erwin Kisch, © Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1987

Im heißen Schatten des Islam

Isabelle Eberhardt, geboren 17.02.1877 als jüngstes von fünf Kindern einer adeligen russischen Emigrantin, stirbt malariakrank in der Nacht vom 20. auf den 21.10.1904 während eines Unwetters in einer Lehmhütte am Flußufer in Aïn Séfra, weil sie sich weigert, das von der Überschwemmung eingeschlossene Haus zu verlassen.

isabelle eberhardt 1897 in tunesischer Tracht mit Fez und DjellabaIsabelle Eberhardt 1897, aus dem Vorwort ihres Buches „Tagwerke“, Verlag: März bei Zweitausendeins, ©1981

„Mai 1904
Weshalb muß man sich gegen die Dummheit verteidigen, obwohl man ihr gar nichts abzugewinnen hat, obwohl man selbst nichts damit zu tun hat? Ich weiß nicht – diese Dinge interessieren mich nicht: mir bleibt die Sonne und mich lockt der Weg. Das wäre schon fast eine ganze Philosophie.
Einmal hatte ich Gelegenheit, aus nächster Nähe zu beobachten, wie in einer Seele, die ich schon weit erhabener glaubte, eine reine, starke Leidenschaft entbrannte, und ich sagte zu meinem Freund: „Sehen Sie sich vor, wenn man glücklich ist, versteht man nichts mehr vom Leid der anderen …“
Er machte sich auf, das Glück zu finden, wie er zumindest glaubte; und ich ging meinen Schicksalsweg. [ … ]

In der einzigen arabischen Straße des Dorfes finde ich die ruhigen Eindrücke vom letzten Fastenmonat Ramadan des vergangenen Jahres wieder, ich fühle mich ‚zu Hause‘.
Ich treffe viele bekannte Gesichter auf den Bänken und den Matten vor dem Cahouadji. Viele freundschaftliche Grüße werden ausgetauscht.
Und obendrein die innige Freude bei dem Gedanken, schon morgen, in der Morgenröte aufzubrechen und all diese Dinge zu verlassen, die mir doch heute Abend so süß und angenehm sind.
Doch wer, außer einem Nomaden, einem Vagabunden, könnte diesen doppelten Genuß verstehen?

Das Herz noch bewegt von allem, was mich eingenommen hatte und nun hinter mir lag, sagte ich mir: die Liebe ist eine Unruhe; man muß es lieben, zu verlassen, aufzugeben, denn die Dinge und die Wesen gewinnen ihre Schönheit erst im nachhinein.“
Isabelle Eberhardt: Im heißen Schatten des Islams

Isabelle Eberhardts Leichnam wird aus dem zerstörten Haus geborgen, 1904Isabelle Eberhardts Leichnam wird aus dem zerstörten Haus geborgen, Oktober 1904

Bilder und Text aus „Sandmeere“, Isabelle Eberhardt, © 1981 März Verlag GmbH, Ausgabe bei Zweitausendeins, aus dem Französischen übertragen von Grete Osterwald