P 203 Er hatte verstanden, dass man als älterer Mensch mit jedem Tag ein Stück weiter hinauswandert aus dieser Welt, also täglich Nichtzugehörigkeit zu spüren bekommt und irgendwie positiv adaptieren muss, um darüber nicht bitter zu werden. Viele kleine Tode als Vorlauf zum wirklichen Sterben. Und er war klug genug, um diese Einsicht nicht in eine Anklage der Enkelgeneration zu verwandeln. Das ist eure Zeit und nicht mehr meine. Früher war nicht alles besser, aber früher war alles anders.
P 83 Mein Vater hat gesagt, es genüge, entweder religiös oder streng zu sein – beides zusammen sei der Gipfel an Ekelhaftigkeit.
»Und Gottesfurcht? Warum? Meinetwegen Gottvertrauen. Aber lieber soll mein Kind Streichholzschachteln oder Likörgläser anbeten, als Angst vor Gott haben. Alles Unheil der Welt beginnt mit der Angst. Ich sehe nicht ein, warum Menschen sich Gott als einen modernen Diktator vorstellen müssen, der die Leute mit Maulkörben und Handschellen im Kreis herumlaufen läßt. Der ganze Dreck in Deutschland konnte nur entstehen, weil man die Menschen dort seit ewigen Zeiten in Angst gehalten hat.
Kaum daß ein Kind geboren wird, soll es auch schon Angst vor Vater und Mutter haben. Dann muß es auch noch Vater und Mutter ehren. Wozu? Entweder man liebt seine Eltern, dann ehrt man sie so wieso, oder man liebt sie nicht, dann können die Eltern mit der ganzen Ehre verdammt wenig anfangen. – Also zuerst verlangt der Vater, daß sein Kind Angst gehabt hat. Dann kommt die Angst in der Schule vor dem Lehrer, die Angst in der Kirche vorm lieben Gott, die Angst vor militärischen oder anderen Vorgesetzten, die Angst vor der Polizei, die Angst vorm Leben, die Angst vorm Tod. Schließlich ist ein Volk so versklavt und verkrüppelt durch Angst, daß es sich eine Regierung wählt, unter der es in Angst dienen kann. Und nicht genug damit: wenn es dann andere Völker sieht, die nicht darauf versessen sind, in Angst zu leben, ärgert es sich und sucht nun seinerseits, ihnen Angst zu machen.
Zuerst haben sie Gott zu einer Art Diktator gemacht, jetzt brauchen sie ihn nicht mehr, weil sie einen besseren Diktator haben.«
P 33 Ein Krieg bricht nicht einfach so aus, er lebt von mentalen Voraussetzungen, von der Lust an der Aggression, von der Bereitschaft zu hassen. Und vom Vergessen.